Mahon
Wir holten den Anker am Morgen des nächsten Tages früh auf. Es war Samstag und spätestens am frühen Nachmittag wollten wir die Hauptstadt Menorcas, Mahon, erreicht haben. Das Wetter meinte es gut mit uns. Sonnenschein mit zwei bis drei Windstärken die uns zuerst einen Amwindkurs steuern ließen. DasCabo Favaritx mit seinem Leuchtturm, der aussieht wie eine Zuckerstange, hatten wir rasch Steuerbord querab. Unser Kurs zum Wind änderte sich allmählich zu einem Halbwindkurs. Ungewöhnlich viele Schiffe, kleine und mittlere, kreuzten unseren Kurs und waren eine Zeitlang zu sehen, um dann, wie von Geisterhand, aus unserem Blick zu verschwinden. Wir kamen schnell auf die Lösung dieses Rätsels. Es war ja Samstag, die Menorquiner hatten frei und fuhren mit ihren Familien in die unzähligen kleinen Ankerbuchten der Nordostküste zum baden, grillen und nach der Wochenarbeit, zum verdienten Müßiggang.
Gegen Mittag lag das Pt. de Espero vor uns, der östlichste Punkt Spaniens überhaupt. Mit dem Pt. de Sn. Carlos bildet es in einer Linie die Einfahrt zu einer der größten Naturhäfen der Welt. Etwa vier Seemeilen ragt diese fjordähnliche Bucht in das Inselinnere Menorcas hinein und ist etwa 300 bis 1200 Meter breit.

Wir waren schon gut eine Meile im Einfahrtsbereich, als vor uns Segelauftauchten. Aber nicht von normal in der Einfahrt unter Segel fahrenden Schiffen, sondern eine quer zur Einfahrt stehende Fläche von Segeln, kam auf uns zu. Bald erkannten wir, dass wir uns inmitten eines Regattafeldes befanden, welches bedingt durch die Windverhältnisse, in der Einfahrt aufkreuzen musste. Später erfuhren wir, dass es 58 Schiffe zwischen 32 und 60 Fuß waren. Möglichst rechts im Fahrwasser hatte ich die THALATTA gesteuert. Da die Teilnehmer der Regatta ihre Schiffe jedoch, der Höhe wegen, bis zum äußersten des Fahrwassers manövrierten, war es für uns sehr abenteuerlich. Mal musste ich mit acht Knoten fahren um auszuweichen, kurz darauf musste ich fast stehen bleiben, damit es nicht zu einem Zusammenstoß kam. Zwischen so manchen, an der Regatta teilnehmenden Yachten, passte keine Briefmarke mehr. Nach etwa einer halben Stunde war für uns der Spuk vorbei. Selten hatte ich so geschwitzt, beim Fahren unter Maschine. Vor uns lag nun die Inselhauptstadt Mahon. Uns erwartete eine pulsierende Stadt, im englischen Stil, mit dominierender mediterraner Atmosphäre und einen geschützten Hafen. Admiral Andrea Doria, andere behaupten es war Admiral Nelson, soll gesagt haben „Juli, August und Mahon", das sind die schönsten und sichersten Häfen des Mittelmeeres".

Wir machten an einem freien Liegeplatz mit Muring, in der Nähe der Altstadt, kurz vor dem Fährhafen fest, unmittelbar gegenüber befinden sich Geschäfte und Restaurants. Das Anlegen mit dem Heck machte uns Schwierigkeiten, da er mittlerweile frische Wind, durch eine Düsenwirkung im Hafen verursacht, unseren Bug immer mehr als gewollt nach Lee versetzte. Mit einigen kurzen und kräftigen Schüben vorwärts und Ruder Steuerbord konnte ich jedoch die THALATTA mit dem Heck beiholen und dadurch letztlich sauber rückwärts anlegen. An unserer Steuerbordseite waren vier bis fünf Liegeplätze frei, an Backbord lag eine etwa 50 Fuß rote Stahljacht. Nach ihrem Äußeren zu urteilen, schien sie schon so manche Seemeile im Kielwasser gelassen zu haben. Die gesamte Ausrüstung war sehr rustikal und alles war scheinbar mindestens dreimal an Bord. Als wir anlegten war niemand an Bord. Wir hatten unser Schiff schnell klariert und waren stadtfertig. Mit Timmy mussten wir sowieso seine Runde drehen, also machten wir einen Hafenspaziergang. Da wir Mahon kannten, ging unser erster Weg natürlich, vorbei am Club Maritimo, hin zur Cala Figuera. Dort, am Ende der Geschäftszeile, befindet sich ein italienischer Eissalon. Meiner Meinung nach, der beste Eismacher der Balearen. An Bord zurückgekommen, stellten wir fest, dass nun auch an unserer Steuerbordseite eine Yacht festgemacht hatte. Es war die MADOMA, neben der wir vor einigen Tagen in Porto-Cristo auf Mallorca gelegen hatten. Der Skipper berichtete uns, dass einer der drei Gäste sich vor zwei Tagen bei einem Landausflug einen Arm gebrochen hatte und nun in Ciudadela im Krankenhaus liegt. Seine Reise war zu Ende und die Crew der Madoma war nun ohne ihren Koch. Wir hoffen, dass unsere guten Genesungswünsche bei dem Unglücksraben angekommen sind. Es war Sonntag und kein guter Tag um mit dem Schiff in einer Stadt zu liegen. Alle spanischen Städte sind sonntags wie ausgestorben und sehr öde. Die einheimische Bevölkerung verlässt spätestens Samstag nachmittags die heißen Innenstädte und flüchtet aufs Land, oder noch besser, mit ihren Booten aufs Wasser. Wir taten es ihnen gleich und machten unsere Leinen los. Im nördlichen Teil dieses sehr weiträumigen Hafens lagen unsere Nachbarn, aus unserem Heimathafen, dem Club Nautico Arenal, mit Ihrer Segeljacht MARIE CELESTE, eine Dufour Mittel-Cockpit Yacht, ruhig an einer Boje. Herbert, den Skipper der Marie Celeste, hatten wir am Morgen in Mahon getroffen. Sie waren auf der Rückfahrt von Italien und sind auf ihrer Reise bis unterhalb von Sizilien gekommen. Bis dorthin hat der Wind uns noch nicht gebracht aber wir planen bald eine ähnliche Reise zu unternehmen.

Nachdem wir wieder auf dem offenen Meer waren, legten wir den Kurs auf 180° an. Da der Wind aus nordöstlicher Richtung mit zwei bis drei Beaufort wehte, sollte unser bunter Blister zum Einsatz kommen. Der Segelmacher Heino Haase aus Trave-münde hatte den Blister nach unseren Farbvorstellungen im letzten Jahr gefertigt. Bisher hatten wir noch keine Möglichkeit gehabt unseren neuen Halbwinder auszuprobieren. Auch Probe halber hatten wir ihn bisher nicht einmal hochgezogen. Ein Versäumnis, was sich rächen sollte. Es musste kommen wie es kam. Als wir ihn nebst Bergeschlauch im Top hatten, stellten wir fest, dass die Haltevorrichtung für die Blisterspiere nicht komplett war. Es fehlte ein kleiner Schäkel. Dutzende von Schäkel, aller Größen und Formen hatte ich an Bord als Ersatz. Aber der, den ich brauchte, war natürlich wie immer nicht dabei. Mit entsprechendem Werkzeug und ein wenig Phantasie gelang mir aber nach einiger Zeit eine Lösung. In der Höhe der Punta Rafalet stand unser Halbwinder wie gegossen im Wind. Die von uns ausgesuchten Farben gefallen uns sehr. Besonders der durch die Farbkombination entstandene blaue Stern ist nach unserem Geschmack. Uns näherte sich von achtern eine etwa gleich große Segelyacht. Die Crew machte durch winken auf sich aufmerksam. Als sie näher kamen, erkannten wir die SY RELAXE mit Silvia und Claus Dieter. In Porto Cristo hatten wir beide kennen gelernt und einen schönen Abend zusammen verbracht. Auf die Frage wohin antwortete ich „...in irgend eine Cala an der Südküste". Leider hatten die beide dieses nicht verstanden und nahmen Kurs auf die Insel Isla del Aire an der Südostküste Menorcas.

